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Mehr als sechs Saiten  

Das Bad Aiblinger Gitarrenfestival Saitensprünge 2005 – ein Rückblick

Der November gehört in Bad Aibling den Gitarren. Und das bereits seit der Jahrtausendwende: seit dem Jahr 2000 findet sich die internationale Elite dieses Instruments in der Kurstadt ein, ergänzt durch regionale Größen. Begeisternde Konzerte unterschiedlichster Art, höchste musikalische Qualität und ein unerhört breites stilistisches Spektrum zeichnen das Festival von Anbeginn aus.

So auch die sechste Ausgabe, die vom 9. bis zum 25. November 2005 stattfand. Musikalische Weltklasse der klassischen Art bewies beim Eröffnungskonzert das Duo Gruber & Maklar mit unerhört feinsinnigem Spiel, stark iberisch geprägtem Repertoire und einer instrumentenbaulichen Rarität: bei einigen Stücken verwendeten die beiden Spitzenkönner Quintbass-Gitarren aus der Werkstatt des legendären bayerischen Gitarrenbauers Hermann Hauser I., dessen Gitarren nicht zuletzt von Andrés Segovia sehr geschätzt wurden.

Wie in so vielen Musikkulturen der Welt hat die Gitarre auch in der alpenländischen Musik ihren unverzichtbaren Platz. Erstmalig fanden 2005 die Bairischen Saitenblicke auf die Gitarre als großer Heimatabend der 18 Trachtenvereine des Altlandkreises Aibling statt, im voll besetzten Festsaal des Kurhauses. Egal ob als Begleitinstrument zu almerischem Gesang, im rein instrumentalen Trio oder in Verbindung mit anderen Instrumenten: die Gitarrenspielerinnen und -Spieler machten hier in ihren Trachten eine mehr als gute Figur.

Moderiert von Johannes Erkes, dem künstlerischen Leiter des Festivals geriet auch 2005 die lange Nacht der Gitarren zu einem großen Erfolg. Unter dem augenzwinkernd von dem gleichnamigen ungarisch-österreichisch-deutschen, rein feminin besetzten Gitarrenquintett entlehnten Namen Gitarrissima! teilten sich am 12. November Künstler unterschiedlichster Genres die Bühne – und zündeten wahre musikalische Feuerwerke. „Es gab nur Sieger: Im Sturm eroberten sich die Künstler in ständig abwechselnder Folge die Sympathie und Anerkennung der offenbar fachkundigen 500 Zuhörer im großen Saal des Aiblinger Kurhauses“, befand der Kritiker des Oberbayerischen Volksblattes. Der Konzertgitarrist Augustin Wiedemann bestach durch exzellente Interpretationen von Werken des klassischen Repertoires, insbesondere der C-Dur Sonate von Mauro Giuliani. Philipp Stauber zelebrierte auf seiner Gibson L-5 zusammen mit seinem Trio swingenden
Gitarren-Jazz der Extraklasse à la Joe Pass oder Wes Montgomery. Besetzt mit drei Konzert-, einer Oktav- und einer Bassgitarre bezauberten die fünf Gitarristinnen des Ensembles Gitarrissima das Publikum, mit eigenen Bearbeitungen (etwa von Manuel de Fallas „Danza Espanola“) und eigens für sie komponierten Werken, wie einer Suite nach Motiven aus dem „Zauberer von Oz“.

Mit der Konzertharfe Silke Aichhorn kam ein gitarrenverwandtes Instrument ins Spiel, umwerfend virtuos behandelt von einer Ausnahmemusikerin ihres Fachs. Mit dem Duo Niedhammer und Kronast sowie der Gruppe Rosa Negra bewiesen zwei Ensembles der Musikschule Rosenheim, dass der musikalische Nachwuchs sich durchaus nicht zu verstecken braucht. „Und dann ging mit dem Trio Tango en Vos auf der Bühne die Post ab:Temperamentvoll und leidenschaftlich stellte das Geschwisterpaar Silvia (Gesang) und Rául Funes (Gitarre) sowie der aus Kolumbien stammende Nelson Diaz (Geige) die vielfältigen Rhythmen und Stile der argentinischen Folklore vor, bis hin zum modernen Tango von Astor Piazzolla. Das Publikum außer Rand und Band: kollektives Mitklatschen, Mitsingen, Bravo-Rufe, begeisterte Pfiffe – ein fantastischer Abend!“ (OVB).

Weniger einhellig war die Resonanz zu dem Konzert des Münchner Gitarristen Johannes Tonio Kreusch. Dessen am Stück dargebotenes Programm „Inspiración“, bestehend zum größten Teil aus eigenen Kompositionen und Improvisationen war insgesamt eher meditativen Charakters. Wer sich darauf einlassen konnte, genoss einen kontemplativen Abend mit vielen exotischen Anklängen.Weniger einhellig war die Resonanz zu dem Konzert des Münchner Gitarristen Johannes Tonio Kreusch. Dessen am Stück dargebotenes Programm „Inspiración“, bestehend zum größten Teil aus eigenen Kompositionen und Improvisationen war insgesamt eher meditativen Charakters. Wer sich darauf einlassen konnte, genoss einen kontemplativen Abend mit vielen exotischen Anklängen.

Im denkbar größten Kontrast dazu stand die Brasilianische Nacht am 18. November. Für das Festival war das ein Experiment: gezeigt werden sollte nicht mehr und nicht weniger als die ganze Bandbreite der brasilianischen Musikkultur. Zunächst bot der aus Porto Alegre stammende Gitarrist Pedro Tagliani zusammen mit dem Aiblinger Jazzpianisten Christian Gall am Flügel ein knapp einstündiges Duokonzert der Extraklasse, vibrierenden, kammermusikalischen, akustischen Brasil-Jazz ganz auf der Höhe der Zeit, getränkt mit einem Höchstmaß an Inspiration. Das Kurhaus-Restaurant Allegro hatte zwischenzeitlich ein enormes Buffet im Foyer aufgebaut, die Tische bogen sich beinahe unter einer Vielzahl von Köstlichkeiten der brasilianischen Küche. Im großen Saal folgte daraufhin eine opulente Tanz- und Kostümshow des Ensembles Aquarelas do Brasil. Die Musik dazu kam  live von der großbesetzten Band Brazil Connection, mit Tagliani hier an der elektrischen Gitarre. Musikalisch und tänzerisch war`s ein Querschnitt durch die Stile und Traditionen: Gafiera, Olodum, Capoeira, Lambada, Xaxado, Batucada, Danca do Fogo waren hier zu erleben. Rio-Karneval brach hier in Bad Aibling los, mitten im November, mit üppigen, riesigen Kostümen, Farben, Federn, schönen Tänzerinnen mit ihrem strahlenden Lächeln.

Ein Mann, eine Gitarre: dass nicht nur Andalusier erstklassigen Flamenco spielen können, bewies Jan Hengmith bei seinem Soloabend am 20. November von Anfang an. „Duende“, der viel beschworene Geist des Flamenco war da mit im Spiel, ganz sicher. Virtuos, elegant, feurig, profund – diese Musik ging unmittelbar unter die Haut. Auch die nicht oft zu hörende Kombination von Cello und Gitarre fand ihren Platz bei den Saitensprüngen 05. Die aus der Region stammende Cellistin Anja Lechner, bekannt als Mitglied des Rosamunde-Quartetts, ihre Zusammenarbeit mit dem Bandoneonisten Dino Saluzzi stellte hier ihr Duo mit dem argentinischen Meistergitarristen Pablo Márquez vor und präsentierte anspruchsvollste, zeitgenössische Kammermusik. Ein Abend der hohen Kunst, höchster musikalischer Intensität und Tiefe.

Zum krönenden Abschluss der Saitensprünge 2005 gab es ein brasilianisch-kubanisches Gipfeltreffen: die Brüder Sérgio und Odair Assad konzertierten gemeinsam mit Paquito D`Rivera. Was für ein Ereignis! Ein olympisches Fest der Spielfreude, der Musikalität, der Lust an der Musik. Die Assads waren bereits zweimal in den Jahren zuvor bei den Saitensprüngen zu Gast. Ihr Auftritt hier zusammen mit dem legendären Klarinettisten und Saxophonisten Paquito D`Rivera, der 2005 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feiern konnte, dieses Konzert bescherte musikalische Sternstunden.

Zentrale Spielstätten des Saitensprünge-Festivals sind die beiden Säle des Bad Aiblinger Kurhauses. 2005 ging das Festival jedoch auch weiter in die Stadt: unter dem Motto „Gaumenkitzel und Gitarrenzauber“ luden drei Restaurants bei freiem Eintritt zu Live-Musik und kulinarischen Leckerbissen.

Unter dem Strich bescherte die Saison 2005 dem Gitarrenfestival einen Besucherzuwachs um, je nach Zählung, bis zu zwanzig Prozent. Mit Übernahme der Amtsgeschäfte durch den neuen Bad Aiblinger Kurdirektor Thomas Jahn steht die veranstaltende AIB-KUR unter neuer tatkräftiger Führung. Johannes Erkes, von Beginn an künstlerischer Leiter des Festivals, erhielt für seine Verdienste um die Kultur in der Region den Kulturpreis des Landkreises Rosenheim 2005.

Text: Thomas Kraus

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