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Das VII. Internationale Gitarrenfestival SAITENSPRÜNGE 2006 im Rückspiegel
Von wegen verflixtes siebtes Jahr: die mittlerweile siebte Edition des Internationalen Gitarrenfestivals SAITENSPRÜNGE in Bad Aibling geriet in mehrfacher Hinsicht zu einem rauschenden Erfolg. Acht Konzerte fanden im Hauptprogramm des Festivals vom 7. bis zum 26. November 2006 in den beiden Sälen des Kurhauses statt. Und das auf einem durch die Bank atemberaubend hohen musikalischen Niveau. Mehrfach gab es stehende Ovationen, Beifallsstürme: „Programmatisch und künstlerisch sind die Saitensprünge längst ein einziger Höhepunkt“ befand denn auch der Musikwissenschaftler und Musikjournalist Dr. Marco Frei in seinem resümierenden Zeitungsartikel, der im Dezember 2006 sowohl im Oberbayerischen Volksblatt (OVB) als auch im Traunsteiner Tagblatt erschienen ist.

Klassik, Jazz, Brasilianische Musik, Barockmusik, Flamenco und echte bairische Volksmusik standen 2006 auf dem Spielplan. Mit Pavel Steidl und Giampaolo Bandini, dem New Yorker Trio del Sol, Biréli Lagrènes Gipsy Project, der Brasilianerin Ana Caram und dem Grammy-Gewinner David Russell waren auch dieses Jahr wieder absolute Weltklassemusiker am Start. Großer Beliebtheit beim Publikum erfreuten sich auch die „Bairischen Saitenblicke“ und vor allem die neue Ausgabe von „Guitarrissimo“, der langen Nacht der Gitarre.

Unterm Strich kamen 2006 noch mehr Zuhörer zu den Saitensprüngen als im Rekordjahr 2005. Das diesbezügliche Plus lag bei knapp drei Prozent. Auch die Medienresonanz war mehr als beachtlich: mehrere Tageszeitungen (Oberbayerisches Volksblatt, Traunsteiner Tagblatt, Süddeutsche Zeitung…) brachten ausführlichste Nachberichte in Wort und Bild, das Fernsehen (Regionalfernsehen Oberbayern) war ebenso vor Ort wie Reporter von Radiostationen (Bayerischer Rundfunk, Radio Regenbogen, Radio Charivari). Fazit: einhellige Begeisterung. Wenn etwas auf Kritik stieß, dann war das einzig und allein die etwas unklare Beschilderung der Parkplätze.

Ein wenig spektakuläres, dafür musikalisch umso brillanteres Duo-Konzert eröffnete am 7. November den Reigen: Giampaolo Bandini und Pavel Steidl interpretierten auf absolutem Weltklasse-Niveau ein im wahrsten Sinn des Wortes „klassisches“ Repertoire, bestehend aus Werken von Mozart, Beethoven, Carulli, Zani de Ferranti, Joseph Haydn. Und das auf bestechend schönen und schön klingenden Nachbauten von Gitarrenmodellen aus der Zeit um 1800. Pavel Steidls Finger bewegten sich mit der lichtblitzhaften Geschwindigkeit eines Kolibris über das Griffbrett seiner Stauffer-Kopie – und sein italienischer Kollege stand dem in nichts nach. Bei aller Virtuosität und beseelter Tiefe seines Musizierens entpuppte sich
insbesondere der tschechische Meistergitarrist Steidl nebenbei als großer Komiker mit umwerfend witzigem Mienenspiel.

Nicht geplant war die unfreiwillig kabarettistische Einlage zwei Tage später. Inmitten eines höchst inspirierten Solos auf seiner 12-saitigen Gitarre brach der Stuhl des New Yorker Jazz-Masterminds Freddie Bryant unter ihm zusammen.Bryant, der nicht nur ein mit allen Wassern gewaschener musikalischer Improvisationskünstler ist, sondern auch Tai-Chi-Meister, ließ sich davon nicht beirren: er spielte im Fallen weiter, ging mit dem Stuhl zu Boden, landete rücklings auf der Bühne, setzte sich, ohne im Geringsten musikalisch den Faden zu verlieren, auf und spielte das Stück auf den Bühnenbrettern sitzend zu Ende. Aus Solidarität taten es ihm seine Bandkollegen nach: Misha Piatigorsky spielte vor dem Steinway-Flügel knieend weiter, der Multi-Percussionist Gilad wie Bryant auf der Bühne sitzend. Glücklicherweise hatte sich Bryant nicht verletzt. Dass dieser unfreiwillige „Stunt“ ein gefundenes Fressen für die Presse war (siehe Artikel in der SZ), konnte indes von folgender Erkenntnis nicht ablenken: dass das aus diesen drei musikalischen Himmelsstürmern bestehende Trio del Sol vor allem eines hier lieferte: ein wahrhaft euphorisierendes Konzert, allerbeste Nahrung für Geist und Seele gleichermaßen.

Biréli Lagrène gilt unter Fachleuten seit Jahren als bester europäischer Jazzgitarrist. Mit entsprechend großer Spannung fieberten die Fans dieser Musik dem Konzert am 12. November entgegen. Und wurden weiß Gott nicht enttäuscht:Lagrène war an diesem Abend in Höchstform, ebenso seine Mitmusiker, der Saxophonist Franck Wolf, der Rhythmusgitarrist Hono Winterstein und Diego Imbert am Kontrabass. Nach wenigen Takten war vor allem eines klar: Biréli Lagrène ist wirklich der „Paganini der Jazzgitarre“, ein wahrhaft olympischer Musiker. Unnachahmlich, mit welch spontaner Spielfreude und Lässigkeit er einen Trumpf nach dem anderen aus dem Ärmel zieht, ohne sich je zu wiederholen, ohne einen Moment der Langeweile aufkommen zu lassen. Und das mit Schalk im Nacken und einem gewaltigen musikalischen Kosmos in den Fingern. Hier flocht er in eine Django-Nummer mal eben ganze Passagen aus einer Violinsonate von Johann Sebastian Bach ein, dort zitierte er ein wenig Rock-Geschichte. Um mit der nächsten Nummer eine wunderschön melancholische, seelentiefe Ballade anzustimmen. Die nichtsdestoweniger swingte wie alles, was Biréli anrührt. Ein unglaubliches Konzert – darüber herrschte nach diesem Auftritt des Gipsy Projects Einvernehmen unter den gut vierhundert Besuchern im Festsaal des Kurhauses.

16. November, Ana Caram. Dass die Grande Dame der Bossa Nova extra aus São Paulo, Brasilien für dieses eine Konzert nach Europa reiste, ist eine Sensation für sich. Wie bei ihrem ersten Saitensprünge-Auftritt 2002 konzertierte sie auch dieses Jahr im Duoformat. Nun allerdings nicht mehr mit dem Chôro-Gitarristen Israel Almeida, dafür mit dem Electro-Bossa-Pionier Michel Freidenson am Flügel. Ana Caram bot mit Stimme, Gitarre und Querflöte einen betörenden Querschnitt durch die Musik Brasiliens. Bossa Nova und Samba standen dabei klar im Zentrum, ergänzt durch eine Vielzahl unbekannterer Rhythmen insbesondere aus dem Nordeste, dem Nordosten Brasiliens. Beim Bossa-Klassiker „Agua de Beber“ sang der halbe Saal leise mit. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Zuhörer bereits ein entspanntes Lächeln im Gesicht.

Weit mehr als 400 Zuhörer zogen die heurigen Bairischen Saitenblicke in den Festsaal des Kurhauses. Dies lag mit Sicherheit an der gleichermaßen kenntnis- wie abwechslungsreichen Zusammenstellung der Volksmusikgruppen auf der Bühne, die nicht nur ein sauberes Bild abgaben, sondern vor allem für beste Unterhaltung sorgten. Mit dabei waren dieses Mal die Goiserer Klarinettenmusi, das Gröbenbach-Trio, die Rotofenmusi, die Geschwister Schabmair, die Isarwinkler Sängerinnen, die Bairer Saitenmusi. Dass hier Musikanten aus dem Salzkammergut neben solchen aus Oberbayern aufspielten, mit Klarinetten, Posaunen, Harmonika, Kontrabässen, Zithern, Hackbrettern und Harfen hatte seinen besonderen Reiz. Die beliebte Rundfunk-Moderatorin und Volksmusikexpertin Hedi Heres wußte als mehr als kenntnisreiche Ansagerin nicht nur lustige Anekdoten auf den Punkt hin zu erzählen, sondern auch viel Wissenswertes über Geschichte und Bräuche zu berichten.

Zu einem Renner waren bereits in den beiden Vorjahren die jeweiligen Guitarrisssimo-, beziehungsweise Guitarrissima-Abende geraten. An diese Erfolge konnte die diesjährige „Lange Nacht der Gitarren“ nahtlos anknüpfen. Wieder war das Ergebnis der Programmgestaltung durch Johannes Erkes, den künstlerischen Leiter der Saitensprünge so etwas wie ein „Festival im Festival“. Da waren die beiden Klassikgitarren von Roman Viazovskiy
und Nora Buschmann, die heiße Flamencogitarre von Miguel Iven, die Crossover-Abenteurer Buck Wolters sowie Thomas Fellow und Stephan Bormann vom Duo Hands on Strings. Der Bad Aiblinger Jazzgitarrist Heinrich Wulff, derzeit Studierender am Münchner Jazzkonservatorium, kam mit seinem eigenen Quartett und vertrat auf überzeugende Weise den semiprofessionellen Nachwuchs. Über vier Stunden höchst abwechslungsreiche, spannende Musik bot das Programm, und: „Das waren unvergessliche Stunden…“, wie Ulrich Nathen als Kritiker des OVB (Oberbayerisches Volksblatt) befand, und sicherlich nicht nur er. Alle Höhepunkte des Abends aufzuzählen würde den Rahmen dieser Rückschau sprengen. Einen entspannten Ausklang fand das Marathonkonzert, als alle Musiker gemeinsam über Antonio Carlos Jobims „Girl from Ipanema“ improvisierten – mit Nora Buschmann als charmanter Sängerin. Das hatte dann schon fast Bigband-Format.

Ein Konzert als Reise mit der Zeitmaschine fand am 24. November statt. Wer wollte, konnte mit dem Sören Leupold Trio ein paar Jahrhunderte in die Vergangenheit reisen. Leupold selbst spielte die zu Zeiten ihrer Hochblüte als „Königin“ der Instrumente geltende Laute, und deren tieftönenden Verwandten, den Chitarrone, jene mit einer Halslänge von fast zwei Metern wirklich wie aus einer anderen Welt entsprungen erscheinende Basslaute. Die holländische Geigerin Eva Stegeman und ihr Landsmann Wouter Mijnders am Violoncello komplettierten das Dreigestirn und sorgten für „perlenden Klangzauber“ (Dr. Marco Frei, OVB vom 28.11.2006): „Und was war das für ein klanglich und interpretatorisch rundum harmonisches Zusammenspiel, wenn die drei als Trio zu erleben waren: Da sprühten die flotten Tanzsätze vor Esprit und Lebendigkeit, verträumt und weit atmete und strömte hingegen in den langsameren Teilen warme Melancholie. Nach der Klanggestaltung dieser drei Musiker kann man süchtig werden. Großer Beifall im gut besuchten kleinen Kursaal, als Zugabe gab es eine Romanesca von Biagio Marini.“

Grande Finale. Sonntag, 26.11.2006. David Russell, zurück auf der Bühne des akustisch immer wieder bestechend guten kleinen Kurhaussaales. Zweimal war Russell in der mittlerweile siebenjährigen Geschichte des Gitarrenfestivals zuvor hier aufgetreten (2001, 2004), hatte wunderbare Konzerte gespielt. Doch an diesem Abend sollte er sich selbst übertreffen. Intellektuelle Durchdringung und Sinnlichkeit, Humor und Melancholie, musikalische Souveränität und ganz und gar unaffektierte Haltung machten dieses Konzert mit Werken aus fünf Jahrhunderten zu einer gitarristischen Sternstunde. Das war Konzertgitarre auf einem einsam hohen Niveau, so pur, so intim wie dieses Instrument nur sein kann. Was für ein Abschluss für das an Höhepunkten wahrlich nicht arme siebte Gitarrenfestival Saitensprünge in Bad Aibling!

Thomas Kraus

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