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Alle Neune – Das 9. Internationale Gitarrenfestival Saitensprünge. Ein Rückblick.
Willing und São Paulo, Bad Aibling und Buenos Aires lagen musikalisch gesehen in der Tat nahe beieinander beim 9. Internationalen Gitarrenfestival Saitensprünge, das vom 6. bis zum 28. November 2008 stattfand. 2420 Gitarrenfans besuchten die acht musikalisch brillanten und höchst abwechslungsreichen Konzerte des Hauptprogramms. Die Gesamtauslastung lag damit ungeachtet der weltweit grassierenden Finanzkrise bei stolzen 82 Prozent. Inklusive dreier Veranstaltungen im gastronomischen Rahmenprogramm lagen die Besucherzahlen sogar bei 2680. Das Festival konnte somit im Vergleich zu den Vorjahren einen weiteren Anstieg der Besucherzahlen verzeichnen. 58 grandiose Künstler aus 19 Ländern (Litauen, Belgien, Deutschland, Österreich, Kuba, Schweden, Niederlande, Frankreich, Iran, Russland, Curaçao, Uruguay, Argentinien, Moldawien, Panama, Georgien, Brasilien, Ukraine, Schottland) begeisterten Publikum und Presse gleichermaßen. Uneins war man sich allein ob der Frage, welches der Konzerte nun den absoluten Höhepunkt des Festivals darstellte. Waren das die zwei herausragenden Konzerte der beiden „Weltmeister der Klassischen Gitarre“ (OVB) Manuel Barrueco und David Russell? Oder die in jeder Hinsicht mehr als gelungene „Tango Nacht für alle Sinne“? Oder doch der fulminante Auftritt von Constanze Friend und Thomas Fellow, alias Friend`n Fellow? Oder insgesamt die Guitarrissimo!-Nacht? Nun, die Geschmäcker sind verschieden…

Den Auftakt gab jedenfalls das Baltic Guitar Quartet, im Konzertsaal des Kurhauses. Doch was für eine Enttäuschung für die Fans der charmanten litauischen Gitarristin Ieva Baltmiskyte. Hatte diese noch auf schelmisch-verführerische Art im diesjährigen Kinotrailer für Saitensprünge geworben – hier war sie nicht zu erleben! Die Musikerin hatte sich für eine Solokarriere entschieden und war überraschend im Frühherbst aus dem Quartett ausgeschieden. An ihrer Stelle spielte beim Eröffnungskonzert der Belgier Chris Ruebens. Und entschädigte mit virtuosem Können und seiner Eigenkomposition „Summer Dance“ wenigstens ein wenig für den Wechsel.
Tänze (Danzas) standen auf dem Programm des nunmehr dreiviertel-baltischen BGQ, darunter auch eine hervorragend präsentierte Uraufführung der „Drei Tänze“ des baltischen Komponisten Jonas Tamulionis (Jahrgang 1949).

Binnen weniger Tage nach Programmvorstellung komplett ausreserviert waren die Veranstaltungen im „kulinarischen“ Rahmenprogramm des Gitarrenfestivals in den Lokalen NiBa und Mamajuana. In der NiBa traten mit Clemens Wagner, Reinhard Roller und Stefan Knoll regionale Musikgrößen auf. Auf Grund der übergroßen Publikumsresonanz mussten die beiden „Locos por la Rumba“- (nach Rumba verrückten) Gitarristen Ricardo Volkert und El Quintero im Mamajuana sogar noch ein Zusatzgastspiel geben.

„Andächtiges Zuhören“, so die Überschrift der Konzertkritik im Oberbayerischen Volksblatt (OVB) herrschte dann beim Konzert von Manuel Barrueco im Festsaal des Kurhauses. Nach jahrelangem Bemühen war es Johannes Erkes, dem künstlerischen Leiter der Saitensprünge erstmals gelungen, diesen Jahrhundertmusiker der Konzertgitarre nach Bad Aibling zu holen. „Hinreissend aber und staunenswert ist Barruecos Technik und Spielweise: Dynamisch fein abschattiert mit höchster Klarheit und Reinheit des Tons, auch die Triller klar Ton für Ton hörbar, sonore Tonfülle mit leicht bassigem Grundton, griffsichere Virtuosität in höchster Leichtigkeit auch bei schnellen Läufen (…) Barrueco realisierte eine unbegrenzte Vielfalt von  Tonfärbungen und Anschlagsmöglichkeiten, seine Gitarre singt, träumt, schluchzt und tanzt, und dies alles in anmutigster Beschwingtheit“, so Rainer W. Janka in seiner Konzertkritik.

Zwei Tage später war zu erleben, zu was Thomas Fellow fähig ist, wenn er nicht Fieber hat – wie das bei seinem Konzert als eine Hälfte des Duos Hands on Strings im Vorjahr der Fall war – und wenn die großartige Sängerin Constanze Friend an seiner Seite agiert. Da geht die Post ab, und wie! Fellow ersetzt mit seiner akustischen Nylonsaitengitarre mühelos eine komplette Band, groovt unglaublich, dazu kommt diese exquisite, expressive Soulstimme! Und als Kitt dieser Verbindung von Friend`n Fellow ein traumwandlerisch perfektes Zusammenspiel, das den beiden viel Raum lässt, sich musikalisch wie moderatorisch aufs Beste die Bälle zuzuspielen. Feuer und Flamme – noch besser ohne Fieber und Grippe also. Ein Fest war das für alle, die es nicht ganz so klassisch mögen.

„Während des gesamten umfangreichen Programms lauschte das Publikum aufmerksam und je weiter der Abend fortschritt, herrschte bei den ruhigen Weisen eine geradezu andächtige Stille. Und dies, obwohl die über 400 Besucher an den Tischen bewirtet wurden.“ So Christiane Giesen in ihrer printmedialen Würdigung der diesjährigen Bairischen Saitenblicke mit – Angabe Giesen – „unverfälschter alpenländischer Volksmusik auf höchstem Niveau“. Als von Anfang an unverzichtbarer Programmbestandteil des Bad Aiblinger Gitarrenfestivals erfreut sich der Blick auf die einheimisch-volksmusikalischen, musikantischen Seiten der Gitarre von Jahr zu Jahr immer noch größerer Beliebtheit. Christiane Giesen: „Sechs “ ausgezeichnete Volksmusikgruppen aus Deutschland und Österreich gestalteten abwechselnd ein niemals eintöniges, gut aufeinander abgestimmtes Programm. Es lebte nicht zuletzt durch die humorvolle, stets sachkundige Moderation des Oberösterreichers Dr. Franz Gumpenberger. Der ehemalige Familienrichter hat bereits über 2500 Rundfunk- und Fernsehsendungen moderiert.

Nicht weniger erfolgreich in musikalischer und publikumsmagnetischer Hinsicht war die 2008-er Ausgabe des Guitarrissimo!- Abends. Beim diesjährigen „Festival im Festival“ folgten „bis spät in die Nacht Höhepunkte auf Höhepunkte. Erneut wurden aufregende Aibling-Debüts geboten, der wieder fulminant aufspielende Flamenco-Gitarrist Jan Hengmith war bereits Gast in Aibling“, so der OVB-Kritiker und Musikwissenschaftler Marco Frei in seiner Rezension des Abends. Die besagten „Aibling-Debütanten“ 2008 waren diesmal David Hansson und Thomas Hansy von der schwedischen Gothenburg-Combo, das Duo Kevin Seddiki und Bijan Chemirani, das holländische Esther Steenbergen Trio und der Jazzpianist Vitali Hertje. In abwechselnden wie abwechslungsreichen, vielfarbigen Sets präsentierten diese Musiker spannende Musik unterschiedlichster Couleur.

Wahrlich keine „Aibling-Debütantin“ ist die brasilianische Bossa-Musikerin Ana Caram. Nach Duo-Auftritten zusammen mit dem Gitarristen und Cavaquinho-Spieler Israel Almeida und zuletzt mit dem Pianisten Michel Freidenson in den Vorjahren war sie nun erstmals mit ihrer kompletten Band hier zu erleben, mit Freidenson an Piano und Keyboards, Pichu Borelli am fünfsaitigen E-Bass und Fabio Bergamini am Schlagzeug. Ana Caram kam 1958 zur Welt, in exakt dem Jahr, das als Geburtsjahr der Bossa Nova gilt, jenes brasilianischen Pendants zum nordamerikanischen Jazz. Zu feiern war an diesem Abend also nicht nur, aber natürlich auch 50 Jahre Bossa Nova. Ana Caram präsentierte in diesem Sinn viele Klassiker von Jobim, Gilberto und Co., weniger Eigenkompositionen – was manche ihrer Fans durchaus bedauerten, ebenso wie die relative Kürze des Konzerts.

Mit der Tango Nacht wenige Tage später erfuhr dann auch diese zweite südamerikanische Musikrichtung vom Rang einer musikalischen Weltmacht eine ausführliche Würdigung – und was für eine. Der Zusatz „für alle Sinne“ erwies sich im genussvollsten Sinn als zutreffend. Der argentinische Gitarrist und Komponist Luis Borda begann als Solist mit dem Stück „Rey Bonzo“, einer Hommage an den Musiker Romero Manzi, verstand es in der Folge vorzüglich, zusammen mit seinem Ensemble Spannung aufzubauen, mit E- und U-musikalischem Gehalt zu jonglieren, zwischen Eigenkompositionen und Tango-Klassikern zu changieren, zuerst konzertant, dann tanzbegleitend den alten und doch so taufrischen Tango hochleben zu lassen. Für echte Gaumenfreuden sorgte ein umfangreiches und exzellentes Büffet mit argentinischen Spezialitäten. Die Profi-Tanzpaare Enrique y Judita sowie Oscar y Paola zeigten Tango-Tanz in Vollendung, bevor es dann richtig eng auf der Tanzfläche wurde, als diese für alle Tangotänzerinnen und -tänzer freigegeben wurde, eine kleine Einführung in den Tango-Tanz inklusive.

Alles andere als ein Allerweltsprogramm präsentierte last, but not least David Russell im „Grande Finale“ der Saitensprünge 2008, auf unerhört gelungene, gekonnte Art den Bogen schlagend zwischen Barock und Moderne, mit Werken von José Broca, François Couperin, Isaac Albéniz, Julián Arcas, Jean-Baptiste Loeillet, Steve Goss und P. Rosheger. Obwohl Russell bereits seit Jahrzehnten zum kleinen Zirkel der weltbesten Konzertgitarristen zählt, gelingt es ihm ohrenscheinlich immer noch, sich immer weiter zu steigern, immer musikalischer zu werden, seine nie vordergründige Virtuosität in den Dienst immer noch vollkommener anmutender Interpretationen zu stellen. Somit fand das 9. Internationale Gitarrenfestival Saitensprünge seinen Abschluss in Gestalt echter gitarristischer Sternstunden. Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem, großem Applaus.

Thomas Kraus

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