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Die Festivalsaison nach einem Jubiläumsjahr, noch dazu einem so enorm erfolgreichen wie dem 10-jährigen der Saitensprünge ist zunächst aus Veranstaltersicht heikel. Die Erwartungen sind schließlich mehr als hochgeschraubt, nicht zuletzt die eigenen. Wie lässt sich ein hochkarätiges Programm zusammenstellen, ohne das nach oben selbstverständlich deutlich begrenzte Budget zu sprengen? Wird das geschätzte Publikum die Auswahl goutieren? Finden sich interessante aktuelle Entwicklungen der weltweiten Gitarrenszene in Balance mit klassischen Größen angemessen im Programm wieder? Werden wirtschaftliche Rahmenbedingungen den Publikumszuspruch fördern oder torpedieren? Fragen über Fragen, die aktuell sind bis zum letzten Festivaltag.

Was für eine Freude, wenn dann die Bilanzen – die musikalische, künstlerische wie die zahlenmäßige, statistische, finanzielle – so ausfallen wie im Fall der SAITENSPRÜNGE nach deren 11. Jahr. Was die Besucherzahlen betrifft, wurde der absolute Rekord des Jubiläumsjahres tatsächlich nur knapp verfehlt. 10 Konzerte im Hauptprogramm plus 4 Zusatzveranstaltungen im Rahmenprogramm zogen insgesamt rund 3500 Besucher an (Hauptprogramm: 3316 Besucher, über die Rahmenprogramm-Veranstaltungen liegen keine gesicherten Zahlen vor). Radio- und Fernsehstationen berichteten ebenso ausführlich und umfangreich über das Gitarrenfestival wie verschiedene Printmedien.

Bereits das Auftaktkonzert mit den Gebrüdern Poweronoff im Großen Saal des Kurhauses Bad Aibling machte klar, dass die Saitensprünge 2010 den elektrifizierten Gitarren mehr Platz einräumen würden, als das in den Vorjahren der Fall war. In typischer Rockband-Besetzung (2 E-Gitarren, E-Bass, Schlagzeug) machten sich die Poweronoffs über Top-Ten-Werke der Klassik her, intonierten diese mit Rock-Grooves und durchaus virtuos. Die Begeisterung im Saal war hier dennoch nicht einhellig. Kritische Stimmen bemängelten mangelnde Dynamik, eine gewisse Plattheit im musikalischem Sinn durch Reduktion auf die klassischen Kernthemen bei Weglassung von Durchführungen und weiteren Sätzen. Auch dass die „Rahmengeschichte“, die vermeintliche Abstammung von einem gewissen russischen Erfinder und Komponisten-Genie namens Watscheslaw Poweronoff überhaupt nicht weiter verfolgt und ausgespielt wurde stieß nicht auf allgemeine Zustimmung.

Dafür folgte kurz darauf ein absoluter Höhepunkt: lange war nicht klar gewesen, in welcher Besetzung der legendär schnellfingrige Jazzgitarren-Star Al Di Meola in Bad Aibling auftreten würde. Was dann hier auf der Bühne passierte, Di Meola im Duo mit dem sardischen Gitarristen und Komponisten Peo Alfonsi war dann zum einen schon mal eine Weltpremiere – die beiden spielen seit Jahren immer wieder zusammen, stets jedoch im Kontext einer größeren World-Sinfonia-Besetzung. Hier waren sie erstmals ganz pur und rein zu zweit zu erleben. Den Anfang machte Al Di Meola mit ein paar Solostücken. Dass er dabei zu Beginn tatsächlich etwas unter Lampenfieber zu stehen schien, machte diesen Auftakt so menschlich sympathisch. Im weiteren Verlauf des Abends begeisterten die beiden Gitarristen im Duo durch phänomenal synchrones, „tightes“ Zusammenspiel, kaum nachvollziehbare Virtuosität, nicht zuletzt jedoch enorme Musikalität. Beide blieben den ganzen Abend über bei rein akustischen Nylonsaiten-Gitarren, Al Di Meola spielte seine Conde Hermanos mit Cutaway. Als Höhepunkte des Abends durfte „Mediterranean Sundance“, wohl Di Meolas bekanntestes Stück natürlich nicht fehlen. Was für ein Abend – pure Gitarristik auf schwindelerregend hohem Weltklasse-Niveau, ohne Netz und doppelten Boden.

Tags darauf fand im Stellwerk in der Bahnhofstraße das erste Rockkonzert in der Festivalgeschichte der Saitensprünge stand. Rich Hopkins und seine Band, die Luminarios begeisterten ihr Publikum mit eigenständigem, kompromisslosem Desert Rock, mit Hopkins` unaffektiertem Gesang, schnörkellosem Gitarrenspiel und charismatischer Bühnenpräsenz. Ein weiterer großer Abend – wenngleich hier in kleinerem Rahmen. Erstaunlich war dabei eigentlich bloß, dass sich das jüngere Rockpublikum dieses rare Gastspiel des Texaners weitgehend entgehen ließ. Am Eintrittspreis kann das nicht gelegen haben: 5 Euro waren für dieses Ereignis zu entrichten.

Und noch ein amerikanisches Gastspiel, zwei Tage drauf: Marc Ribot, seines Zeichens Enfant Terrible der internationalen Gitarrenszene, dabei mit Sicherheit einer der einflussreichsten, eigenwilligsten wie eigenständigsten Gitarristen unserer Zeit interpretierte mit seiner relativ neuen Band Sunship Musik des großen Jazzsaxophonisten John Coltrane auf verblüffende Weise neu. „Respektlos“, wie Uli Nathen, der Kritiker des Oberbayerischen Volksblatts (OVB) schrieb, war das nur an der Oberfläche. Ribot zerlegt Musik, konstruiert neu, das Ergebnis sind geniale Metamorphosen, Wandlungen, teilweise absolut urgewaltige Eruptionen, ein atemberaubendes Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung, Lärm und Schönheit, das Coltranes Werke von Innen heraus nachempfindet, diese neu und eigenständig interpretierend. Marc Ribot sprach bei einem späten Abendessen nach seinem Auftritt davon, dass seiner Meinung nach dieses Sunship-Konzert das bisher beste seiner Band gewesen sei. Zum Glück gibt es einen Ton-Mitschnitt, der allerdings derzeit noch nicht zur Veröffentlichung vorgesehen ist.

Fünf Musikgruppen, volles Haus im großen Saal: Die Bairischen Saitenblicke ziehen sich nicht nur wie ein weiß-blauer Faden durch die mittlerweile elfjährige Geschichte des Bad Aiblinger Gitarrenfestivals. Sie haben auch ihr eigenes Publikum, das sich genau für diese Spielweise der Gitarre und all der anderen hier damit verbundenen Instrumente begeistern kann, für echte, unverkitschte alpenländische Volksmusik. Für die Saitensprünge ist es durchaus kennzeichnend, dass dieser sehr bodenständige, regional verwurzelte Festivalbeitrag nur zwei Tage nach dem Gastspiel der New Yorker Avantgardisten stattfand. Dass die Grenze zum benachbarten Tirol bei den Bairischen Saitenblicken 2010 weit offen standen machten die Sagschneider Malan, die Perler Buam, die Ausseer Bradlmusi, die Mitterhögl-Hausmusi und die Weinberg Zithermusi auf wunderbar klingende Weise deutlich.

Fast schon Tradition ist es auch, dass auf die Bairischen Saitenblicke unmittelbar, das heißt tags darauf die „Lange Nacht der Gitarren“, das „Festival im Festival“ folgt, kurz: GUITARRISSIMO! Über eine Spielzeit von weit mehr als drei Stunden erlebte die Zuhörerschaft im wiederum sehr gut besuchten Großen Saal gediegen klassische Gitarrenspielkunst des Spaniers Javier Garcia Moreno, die sehr ungewöhnliche und selten zu hörende Kombination von Marimba und Konzertgitarre im Zusammenspiel des österreichisch-italienischen Duos Schorn-Mancinelli, Eigenkompositionen wie den „Marsch der Pinguine“ der österreichischen Gitarristin, Sängerin, Komponistin und Musikpädagogin Julia Malischnig, das intim-innige und stark mediterran geprägte Musizieren des italienisch-türkischen Chakra Duos (Andrea Vettoretti und Yagmur Sivaslioglu), das in gemeinsamem Spiel auf einer Gitarre mündete, und, last not least, den gleichermaßen souverän versierten, inspirierten wie frechen Auftritt des jungen Österreichers Peter „Beda“ Mayer, der sich bei seinem provokativen Stück „Happy Vagina“ bis auf die Superman-Unterhose entkleidete und seine Konzertgitarre im Stehen tänzelnd spielte. In der Summe zeigte dieser GUITARRISSIMO-Abend 2010 eines: Einen fabelhaften, ausschnitthaften Querschnitt einer jungen, bestens ausgebildeten, brillanten Gitarrenszene, für die das Gitarrenspiel nicht zuletzt eines bedeutet: Ein Spiel ohne Grenzen. Das bislang häufig anzutreffende, akademisch aufgezwungene Korsett in Sachen Konzertgitarre ist zumindest für Freigeister a) zu eng und b) auch nicht mehr zeitgemäß.

Kaum veröffentlicht, schon ausverkauft: Der Auftritt der regionalen Flamenco-Tanz-Truppe Las Corazonadas zusammen mit dem Duo Frangipani (Clemens Wagner und Reinhard Roller). Aus einem ursprünglich vorgesehenen Rahmenprogramm-Abend in der Bodega Mamajuana wurden – drei komplett ausgebuchte Vorstellungen, und es hätten sogar noch mehr sein können!

So kam es erstmals bei den Saitensprüngen zu einer Terminkollision. Am Mittwoch, 17. November fand im Mamajuana die zweite Zusatzveranstaltung in Sachen Flamenco/Corazonadas/Frangipani statt, und im Konzertsaal des Kurhauses spielte zeitgleich der US-amerikanische Konzertgitarren-Hypervirtuose Eliot Fisk. Sein Auftritt war nach Aussage des künstlerischen Leiters der Saitensprünge, Johannes Erkes, schon seit Jahren überfällig. Vielleicht war es erst jetzt Zeit für einen solchen phänomenalen Konzertabend: Fisk spielte in unglaublicher Hochform. Umwerfend gut. Fast nicht zu glauben war das, was er hier auf sechs Saiten zelebrierte. Dazu konstatierte Engelbert Kaiser, der OVB-Kritiker dieses Ereignisses: „… unbändiger Drang, die Seele der Stücke zu ergründen, die er gerade spielt. Seine damals schon sensationelle Art, Gitarre zu spielen, hat er dabei bis in Grenzbereiche des Spielbaren perfektioniert“. Auf dem Programm standen Werke, die Fisk sämtlich selbst bearbeitet, teilweise transkribiert hatte, Tänze von Granados, Sonaten von Scarlatti, Bachs Partita BWV 1004, John Coriglianos Red Violine Caprices, Stücke von Albéniz und Barrios. Das komplette Konzertprogramm ist im umfangreichen Programmheft des Festivals nachzulesen, das auch 2010 wieder in schön gedruckter Form gratis an die Konzertbesucher verteilt wurde, aber auch als pdf-File vorliegt.

Neben den bereits erwähnten Flamenco-Abenden in der Bodega fand auch dieses Jahr wieder ein Gastspiel des englisch-amerikanischen Gespanns Trevor Morris und Paul Stowe statt, alias The Matching Ties, wie im Jahr zuvor im Irish Pub Gelling`s The Bogtrotter. Zu erwähnen sind in Sachen Rahmenprogramm unbedingt auch die sehr sehenswerten Präsentationen von hochwertigen Instrumenten durch die Gitarrenbauer Claus Voigt, Joe Striebel, Roland Metzner sowie durch das Musikhaus Saller, sowie der jeweils perfekt an das jeweilige Musikthema der Veranstaltungen angepassten Notenstand des Bad Aiblinger Musikhauses Schneider. Diese Ausstellungen fanden im Umfeld der Hauptprogramm-Konzerte in den Foyers des Kurhauses statt.

„Klangmagier auf sechs Stahlsaiten. Ian Melrose: Schotte aus Berlin begeistert in Bayern“. So brachte es OVB-Redakteur Ulrich Nathen bereits in der Überschrift zu seiner Zeitungskritik auf den Punkt. Ian Melrose war bereits einmal bei den Saitensprüngen in Erscheinung getreten, das war 2001. Und er eröffnete 2010 mit dem gleichen Stück wie damals, seinem augenzwinkernd servierten „Pumpernickel Blues“ und seiner Geschichte dazu – wie er als Austauschschüler in Deutschland ein Pumpernickelbrot mit einem Untersetzer verwechselte und damit für große Heiterkeit sorgte. Das war denn aber auch die einzige „alte Kamelle“, bzw. das einzige „alte Brot“: Inspiriert durch die multikulturelle Atmosphäre Berlins integriert der Wahlberlinger Schotte heute musikalische Einflüsse aus aller Welt in sein fulminantes Fingerstyle-Spiel: „Unaufdringlich, aber mit Tiefgang durch harmonische und rhythmische Raffinesse“, so Ulrich Nathen

Und gleich noch ein Zitat aus gleicher Feder: „Ein Gitarrenkönig zum Anfassen. Atemberaubend, unglaublich, genial: Biréli Lagrène brilliert mit Gipsy-Trio in Bad Aibling“. Wobei Gispy-Trio hier bedeutete: die ungewöhnliche Besetzung Gitarre, Kontrabass (Jürgen Attig) und Saxophon (Franck Wolff). Wesentlich gewöhnlicher mutete indes das Repertoire dieses Dreigestirns an: Geboten wurde zunächst recht übliche Jazz-Kost, Real-Book-Standards wie „All Of Me“, Pop-Jazz-Nummern à la „Isn`t She Lovely“ oder „Just The Way You Are“.  Die Sache war denn auch nicht das was, sondern das wie. Und das – das muss man eigentlich selbst gehört haben! Nach der Pause würdigte Lagrène mit mehreren Stücken ausführlich und auf sehr eigenständige Weise den großen Gipsy-Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, dessen Geburtstag sich 2010 zum hundertsten Mal jährte.

Donnerstag, 25.11. Grande Finale. Ein ganz besonderer Abschlussabend war das, der auf vielfache Weise sehr zu Herzen ging. Unter dem Titel „Robert Wolfs Musik“ interpretierten Knud Mensing (Gitarre), Reinhard Greiner (Trompete, Flügelhorn), Fany Kammerlander (Cello), Luciana Beleaeva (Violine), Beate Palier (Violine), Mascha Beleaeva (Viola) und Stefan Gabanyi (Klavier, Moderation) Stücke ihres Freundes und musikalischen Weggefährten Robert Wolf. Wolf, bekannt vor allem als Gitarrist von „Quadro Nuevo“ sitzt seit einem schweren, unverschuldeten Verkehrsunfall im Herbst 2008 im Rollstuhl und kann bislang nicht mehr selbst Gitarre spielen. Für Robert Wolf war dieser Abend der erste Schritt in die Öffentlichkeit seit dem Unfall – und möglicherweise der Anfang eines neuen Abschnitts seiner Karriere. Zur Aufführung kamen bekannte Kompositionen Wolfs in neuen Arrangements, sowie neue Stücke. „Das Publikum im Kursaal, darunter viele Verwandte, Freunde und Musiker, genossen die besonderen Arrangements in diesem Konzert zu Ehren des von der ersten Reihe aus zuhörenden Robert Wolf und viele wünschten sich weitere Kompositionen aus dessen Feder,“ so Andreas Friedrich abschließend in seinem Zeitungsartikel im OVB. Der Abend, und damit das Festival 2010 mündeten in einem ausgelassenen, festlichen Zusammensein im Restaurant des Kurhauses.

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